Sonntag, 24. Mai 2015

Der Eurovision Song Contest - Mehr politisches Statement als Musik?

Ein Spiegelbild unserer aktuellen internationalen Politik...

Ich bin mit dem Eurovision Song Contest beziehungsweise bis 2004 streng genommen mit dem verwendeten Titel Grand Prix (Eurovision de la Chanson) aufgewachsen und verfolge ihn deshalb gern fleißig jedes Jahr aufs Neue. Es handelt sich um einen internationalen Musikwettbewerb, der von der europäischen Eurovision -Rundfunkunion ausgetragen wird und deshalb auch nicht nur Länder der EU oder aus Europa sondern alle Beteiligten des Rundfunkverbundes wie Israel oder Aserbaidschan teilnahmeberechtigt sind. Der Wettbewerb wird jährlich in dem Land des Titelverteidigers ausgetragen. Letztes Jahr als mit einem großen Vorsprung ein mutiger und nicht ganz ungewöhnlicher Bart den Eurovision Song Contest in Kopenhagen gewonnen hat, wurde letztendlich für die Gleichberechtigung von Transgender nicht nur ein musikalisches, sondern auch ein politisches Statement gesetzt. Deshalb wirkte es fast ein wenig enttäuschend, dass beim diesjährigen 60. Eurovision Song Contest am 23.05.2015 in Wien ein entscheidendes politisches Statement nicht gesetzt worden ist.
"Rise like a Phoenix" wurde beeindruckend gesungen und war einerseits sehr klassisch im Eurovision Song Contest - Stil mit einer aufwendigen Show, Pyrotechnik und einem elegant pompösen Kleid. Doch auffällig war die Person in dem Kleid - ein junger Mann mit langen braunen Haaren, Make - Up und als I - Tüpfelchen ein Vollbart. Der Österreicher spielte und provozierte bewusst mit weiblichen und männlichen Reizen. Er gibt sich als Künstler den witzigen Namen Conchita Wurst.
Der Nachname soll nach ihm darauf anspielen, dass es egal ist, wer man ist, wie man aussieht oder woher man kommt. Menschen, die sich als Transgender bezeichnen, wollen wie Thomas Wirth, das Gesicht hinter der Kunstfigur Conchita, mehr auf die soziale Geschlechterrolle hinweisen. Transgender wollen als dasjenige für sich ausgewählte Geschlecht anerkannt und akzeptiert werden, ohne im Gegensatz zu Transsexuellen eine Geschlechterumwandlung vorzunehmen.
Mit dem Sieg sollte ein Zeichen für Toleranz, Gleichheit und Respekt für Transgender und Transsexualität gesetzt werden.  Das finde ich richtig und wichtig. Wäre es aber Diskriminierung gewesen, wenn man Conchita nicht hätte gewinnen lassen? In den Medien wurde für mich persönlich dieser Eindruck manchmal vermittelt. Ein Nicht-Sieg wäre womöglich ein Signal von ungleicher Behandlung gewesen, weswegen wir im Umkehrschluss vielleicht sogar positiv diskriminieren.
Aber ich möchte bitte nicht falsch verstanden werden, da ich es ganz im Gegenteil toll finde, wenn Menschen zu ihrer Persönlichkeit stehen, für sich selbst entscheiden, ob sie sich als Mann oder als Frau fühlen oder sich eben nicht konkret in einer Rolle definiert sehen oder so gesehen werden möchten. Was ich eher zum Ausdruck bringen möchte, dass der ESC letztes Jahr gezeigt hat, dass in unserer Gesellschaft Homosexualität und Transgender eben noch nicht so selbstverständlich sind, wie wir manchmal annehmen.
Der Eurovision Song Contest hat damit ein sehr bedeutendes politisches Statement gesetzt und gezeigt, dass es mehr als um schrille Kostüme, Musik und Europäische Ländervielfalt geht, sondern eben auch um Gleichberechtigung der Geschlechtervielfalt und eigenen Entscheidungen der Persönlichkeitsentwicklung.

Man konnte beim diesjährigen Eurovision Song Contest gleichermaßen eine politische Färbung bei der musikalischen Veranstaltung wahrnehmen, als dass die derzeitig politische Situation Russlands die Entscheidungen des Fernsehpublikums beeinflusste. Nachdem letztes Jahr die Teilnehmerinnen Russlands, die Tolmachevy Sisters, sogar ausgebuht worden, erscheint es nahe liegend, hatte die Sängerin von diesem ESC nach einem Stern - Online Artikel zufolge vor dem Auftritt sogar Angst vor den Reaktionen des Publikums. Es wirkte dieses mal jedoch vielversprechend bei der Punktevergabe, Gerade in der erste Hälfte von insgesamt 40 Ländern, die voten durften, führte Russland, was die Sängerin kaum fassen konnte und scheinbar verdeutlichte, dass es mehr um musikalische Leistung als Politik geht. Persönlich war die junge blonde Polina Gagarina mein Favorit und das Lied hatte für mich eine schöne Melodie und im Gesamtkonzept mit dem Text einen höheren Wiedererkennungswert als der Gewinnersong Schwedens. Dass sie so weit kam, löste bei mir Gänsehaut aus.
Doch scheinbar ist es für die subjektive Entscheidungsweise manchmal schwer, Politik vollständig auszuklammern. Streng genommen setzte man ja genau damit auch ein politisches Statement und fordert Russland auf das aggressive Außenpolitische Handeln sowie die Situation von Politischer Verfolgung und dem mangelnden Schutz der Menschenrechte der Bürger im eigenen Land zu ändern.
Vor allen Dingen bei der Punktevergabe Litauens wurde die Kritik an der Außenpolitischen Handlungsweise Russlands deutlich, denn entgegen der häufigen Unterstützung von Nachbarländern, wurden an Russland von den Litauern kein einziger Punkt vergeben.

Deutlich wird, welche Präsenz der Eurovision Song Contest hat und dass solche Veranstaltungen eine Möglichkeit bieten, bedeutende Zeichen im Sinne der grundlegenden Werte von Demokratie, Gleichberechtigung und Menschenrechtsschutz der EU setzen zu können. Russland wird vermittelt, dass deren derzeitig politisches Handeln nicht toleriert wird. Wäre Russland Sieger geworden, hätte man eventuell der russischen Regierung den falschen Eindruck vermittelt, deren Politik still zu legitimieren. Doch trotzdem wäre es vielleicht auch ein wirksames Zeichen, zu zeigen, dass der Eurovision Song Contest ein internationaler Musikwettbewerb ist und keiner politischen Spielwiese gleicht. Wir könnten die Musik getrennt von Politik betrachten und die Sänger und Sängerinnen nicht gleich per se mit dem politischen System ihres Landes gleichsetzen und damit wie bei Conchita ein weiteres wichtiges Statement zur Gleichberechtigung und Toleranz setzen. Mal sehen wer nächstes Jahr die legendären doux points/ twelve points für sein Land mehrheitlich holen kann...

Verwendete Literatur und weiterführende Links:
Die offizielle Website des Eurovision Song Contests
Interview mit Conchita Wurst
Begriffsbestimmungen zu unter anderem Transgender, Transsexualität
Stern-Online, Auswirkungen Russlands Politischer Situation auf den ESC
Spiegel-Online, Russland-Litauen Situation Januar 2015

Abbildungen:
Eurovision Song Contest Wien 2015
Russlandflagge und EU-Flagge




Kommentare:

  1. Auch mich hat der ESC mit seinen politischen Auswüchsen sehr interessiert, besonders in diesem Jahr. Ein weiterer Punkt aus der ESC-Nacht: die in der Halle anwesenden Fans in Wien haben die russische Teilnehmerin bei der Punktevergabe zunächst gnadenlos ausgebuht, als sich abzeichnete, dass sie Siegchancen hat. Erst als eine der Moderatorinnen darauf hinwies, dass eine solche Veranstaltung doch gerade die Chance ist, zu zeigen, dass man sich von den Ränkespielen der Machthaber (Lieblingswort der Tagesschau, um gewählte Präsidenten zu verunglimpfen, die bei unserer Regierung gerade in Ungnade gefallen sind - ich übernehme das hier mal passenderweise) in Moskau, Berlin und anderswo nicht beeinflussen lässt. Und von da an wurde die Russin frenetisch bejubelt. Schade, dass man anscheinend immer daran erinnert werden muss, dass wir im Grunde alle gleich sind und dasselbe wollen - ein sicheres, glückliches Leben. Könnten auch alle haben, wenn nicht ständig aus egoistischen Motiven künstlich Feindbilder generiert würden. Dass das leider trotz Internet immer noch funktioniert, zeigt sich ironischerweise gerade in den youtube-Kommentaren zu den ESC-Beiträgen. Dort kann man direkt nachlesen, dass viele Stimmen aus politischen Gründen (nicht) abgegeben werden, etwa weil wir Deutschen "mit Kiew paktieren" (O-Ton).

    Thema Deutschland: Kaum zu glauben, dass unser ESC-Sieg erst fünf Jahre her ist. Das ist in der aktuellen politischen Stimmungslage, in die uns unsere Regierung unnötigerweise hineingeputscht hat, absolut undenkbar.

    Danke, dass du auch das Thema positive Diskriminierung aufgreifst. Man fühlt sich ja fast selbst schon diskriminiert, wenn man es in einer Diskussion anschneidet. Ich bin wie du der Meinung, dass es Quatsch ist, etwa einer Conchita Punkte zu geben, weil es "diskriminierend sein könnte", es nicht zu tun. Solche Denkweisen zeigen nur, dass manche einfach eine unüberwindliche Barriere im Kopf haben.

    Ich muss noch einen Satz aufgreifen: "Wäre Russland Sieger geworden, hätte man eventuell der russischen Regierung den falschen Eindruck vermittelt, deren Politik still zu legitimieren". Hier widerspreche ich deutlich. Eine solche unpolitische Veranstaltung - und das gilt ebenso und insbesondere für Sport - darf sich NIEMALS zum Werkzeug von Politik machen lassen. Das würde alles zunichte machen, wofür diese Events stehen - eben vor allem das Zusammenkommen und die Verständigung der Völker. Wer in einen internationalen Wettbewerb politische Tragweite hineininterpretieren muss, ist an der eigentlichen Interpretation gescheitert.

    Damit meine ich natürlich nicht dich, sondern solche Idioten wie diejenigen, die den Boykott der olympischen Spiele in Russland und den USA im 20. Jahrhundert beschlossen haben, sowie die gleichsam geistig minderbemittelten Menschen, die aktuell einen Boykott der Fußball-WM in Russland erwägen. Oder, um beim Thema zu bleiben, die türkische ESC-Delegation, die ein Problem mit ihrer eigenen Geschichte hat und sich aus vollkommen ESC-fremden, politischen Gründen in diesem Jahr von der Veranstaltung fern hielt. Werdet erwachsen.

    Danke für den guten Artikel - hat mir besser gefallen als das, was die Leute so von sich geben, die dafür bezahlt werden :)

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  2. Du hast recht, dass kulturelle Veranstaltungen wie Musik- und Sport Events sich nicht politisch beeinflussen lassen oder gar ein Instrument ihrerseits werden sollten. Leider kann man den Dominoeffekt oft nicht verhindern. Ich meinte eher den Gedanken, was eine mögliche Konsequenz hätte sein können. Dass Russland nicht gewonnen hat, lag nun einmal leider daran, dass bestimmte Länder aus politischen Gründen ihre Stimme nicht gegeben haben. Sie wollten sich konkret gegen die Handlungsweise Russlands und Putins stellen. Man kann die Entscheidungen des Publikums eher wenig beeinflussen und es mehr als Zeichen sehen. Demokratie, Frieden und Gleichberechtigung sind politische Themen, aber auch Themen, die die gesamte Gesellschaft betreffen. Das wollten einige scheinbar eventuell zum Ausdruck bringen. Politiker können nicht machen was sie wollen. Und auch Putin nicht. Er ist unberechenbar. Hätte Russland gewonnen, konnte ich mir die beschriebene Reaktion bei Putin gut vorstellen. Es ist trotzdem natürlich mehr als schade, dass darunter die (unpolitischen) Künstler und Projekte leiden müssen.

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