Mittwoch, 17. Juni 2015

Kommt, lasst uns legal blau machen...

Deutschlands neue Streikkultur
Streikfieber in Deutschland
Die Deutsche Bahn als Trendsetter

Einige kennen eventuell die witzige Anekdote: „Wirtschaftspolitik leicht erklärt anhand von zwei Kühen“, bei der die verschiedenen politischen Systeme und Unternehmen verschiedener Länder in Zweizeilern mit einem Gleichnis über Kuhhandel witzig und darüberhinaus sehr treffend beschrieben werden. In den letzten Wochen musste ich häufiger an diese Anekdote denken. Ein deutsches Unternehmen: „Sie besitzen zwei Kühe. Mittels modernster Gentechnik werden die Tiere re-designed, sodass sie alle blond sind, eine Menge Bier saufen, Milch von höchster Qualität geben und 160km/h laufen können. Leider fordern die Kühe 13 Wochen Urlaub im Jahr. Ein französisches Unternehmen: „Sie besitzen zwei Kühe. Sie streiken, weil Sie drei Kühe haben wollen. Sie gehen Mittagessen. Das Leben ist schön.“ Ich fühle mich diesbezüglich derzeit immer mehr nach Frankreich versetzt. Überall wo man hinschaut und jeden Tag, wenn man in die Nachrichten verfolgt, scheinen die Leute zu streiken - meist für mehr Lohngerechtigkeit oder kürzere Arbeitszeiten. Nur dass wir gern noch mehr hätten und Forderungen äußern wie 13 Wochen Urlaub, das trifft auch im Moment wieder ganz gut auf den Deutschen der Anekdote zu. Deutschland ist im Streikfieber und ich stelle mir die Frage, weshalb das eigentlich gerade so ein Trend ist?
Die Piloten und Stewardessen der Fluggesellschaften, die Lokomotivführer und das Personal der Bahn, im Bildungszweig erst die Lehrer dann die Erzieher in Kindergärten - alle machen es vor. Nun folgen diese Woche auch (noch) die Postbeamten und Briefträger der Mode "legal blau machen". Bei diesen vielen verschiedenen Streiks in unmittelbar kürzester Zeit kann man nur den Überblick verlieren. Worum geht es in all diesen Streikkonflikten eigentlich?
Die Bahn ist meiner Meinung nach die absolute Trendsetterin in Sachen Streikschlagzeilen.



GDL und EVG -
2 Gewerkschaften 1 Streit
Man hat offen gestanden den Eindruck, dass alle zwei Wochen neue Nachrichten über einen Bahnstreik folgen, was bedeutet: Ersatzfahrpläne und neue Verkehrsmeldungen über Verspätungen und Ausfälle an den Bahnsteigen, zum Leidwesen der Pendler und Langstreckenfahrer. Es handelt sich einerseits um Forderungen nach einer Reduzierung der Arbeitszeit auf 37 Stunden sowie fünf Prozent mehr Gehalt. Zum Anderen ist das Besondere an dem Streik, dass ihm nicht nur der Aufruf einer Gewerkschaft sondern ein wesentlicher Streit zweier Gewerkschaften zu Grunde liegt - beteiligt sind die Gewerkschaft deutscher Lokomotivführer (GDL) sowie die Eisenbahn – und Verkehrsgesellschaft (EVG). Die GDL ist vornehmlich für die Lokführer zuständig, möchte aber auch Tarifverhandlungen für die anderen Berufsfelder des Zugpersonals aushandeln. Für den letzteren Bereich ist bis dato vor allen Dingen die EVG zuständig beziehungsweise muss die GDL sich den Tarifverhandlungen zwischen der EVG mit der Deutschen Bahn fügen. Nun besteht die Frage inwiefern eigene Tarifverhandlungen und Verträge für die Mitglieder der jeweiligen Gewerkschaften sinnvoll sind und durchgesetzt werden sollten. Die Bahn besteht auf einheitliche Verhandlungen. Im Umkehrschluss besteht die Kritik, weshalb eine Gewerkschaft hierarchisch über der anderen stehen sollte und nicht beide die Freiheiten und Möglichkeiten haben können, Mitglieder aus verschiedenen Berufsgruppen zu gewinnen und zu vertreten. Wie kann das miteinander vereinbart werden?

Bei den Piloten der Lufthansa handelt es sich vor allen Dingen um die anstehende Verringerung der Altersvorsorge, als dass sie statt 58 Jahren nun 60 Jahre im Beruf bleiben sollen. Zudem ist die Übergangsversorgung bis zur gesetzlichen Rentenversorgung ungeklärt. Diese Gründe bieten der Gewerkschaft für Piloten, die Vereinigung Cockpit, Anlass zum Streik. Das Berufsprofil des Piloten bedeutet nicht nur mit einer hohen Verantwortung für sich sondern auch für die Passagiere während des Flugs sowie mit hohen Anforderungen von Stress und Risikosituationen zu agieren. Der Streik entspricht damit gleichermaßen einer Kontroverse nach Belastbarkeit im Alter und der Frage - wie lang eine Vollbeschäftigung für die Physis und Psyche des Piloten und auch für die notwendigen Sicherheitsbestimmungen während eines Flugs vertretbar ist.

Beliebte Frage in der Streik-Kontroverse:
Wie viel ist uns die Erziehung
unserer Kinder wert?
Sowohl beim Lehrpersonal als auch bei den Erziehern der Kindergärten geht es um "gerechtere" Vergütung. Erziehern komme eine immer größere Aufgabe in der frühkindlichen Bildung und Erziehung zu. Deshalb wird mittels der Gewerkschaft ver.di für diese Berufsgruppe ein höheres Gehalt aufgrund steigender Arbeitsanforderungen gefordert. Lehrer werden je nach Tarif des betreffenden Bundeslandes bezahlt. Dazu kommt die unterschiedliche Behandlung von Lehrern je nachdem ob sie Beamte oder Angestellte sind. Die Löhne sollen angeglichen werden – gleiche Arbeit soll quasi auch gleich bezahlt werden. Die Lehrer - Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (EWG) möchte damit auf die weiter bestehenden Diskrepanzen im Lehrsektor aufmerksam machen.
Bei der Post wird nun last but not least für bundesweite gleiche Bedingungen in den Arbeitsverhältnissen und bezüglich Gehalt der Postangestellten gestreikt. Neue regionale gegründete Gesellschaften führen zu einer Auslagerung der Paketzustellung bei der Deutschen Post. Damit können jedoch nach ver.di gleiche Arbeitsverhältnisse nicht mehr gewährleistet werden. Dies soll durch den Streik verhindert werden.

Bei allen Streiks handelt es sich sicher um, in einem gewissen Umfang, nachvollziehbare Gründe. Es ist die Aufgabe von Gewerkschaften, die Interessen ihrer Mitglieder zu vertreten und sich für den Schutz angemessener Arbeitsbedingungen einzusetzen. Sie haben zu dem rechtliche Befugnisse, tariflich die Arbeitsbedingungen von Mitgliedern einzufordern und zu regeln.

Doch ich sehe genau da den springenden Punkt. Gewerkschaften bestimmen die Häufigkeit der Streiks, Umfang sowie Forderungen. Die eigentlichen Beschäftigten sind wahrscheinlich weniger diejenigen, die die Streiks initiieren. Klar ist jeder einmal mit den eigenen Arbeitsbedingungen unzufrieden und wünscht sich ein ausgeglicheneres Arbeit- Freizeit - Verhältnis oder mehr Vergütung für geleistete Arbeit. Im Moment fragt man sich allerdings, ob tatsächlich noch die Bedürfnisse der Beschäftigten die wirklichen Beweggründe der Gewerkschaften darstellen oder nicht andere weitere Gründe hinter den Streiks stehen. Streiks bieten ein effektives Instrument für Gewerkschaften, um Forderungen der Mitglieder durchzusetzen, wofür sie existieren. Dazu kommen die zahlreichen kleinen Gewerkschaften einzelner Berufsgruppen. Die IG Metall und ver.di bilden in Deutschland die größten Gewerkschaften und sind wie die EVG und die GEW Mitglied des Dachverbandes "Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB)". Gerade der Streit der beiden Gewerkschaften für Bahnpersonal zeigt, dass es auch um eigene Absichten wie Mitgliedergewinnung und stärkere Repräsentanz und Einfluss gehen könnte und diese Dinge insbesondere auch bei kleinen Gewerkschaften eine Rolle spielen. Die GDL möchte sich beispielsweise gegenüber der EVG behaupten können.

Demonstrationen und Streiks gehören zwar nun einmal  zu unserem Werteverständnis von Demokratie und freie Meinungsäußerung und sollten erhalten bleiben. Das geplante Tarifeinheitsgesetz der Bundesregierung ist da wahrscheinlich  eher nicht die richtige Lösung. Wenn dann nur noch die Tarife von großen Gewerkschaften gelten, könnte die erforderliche Meinungs- und Interessenvielfalt einer guten funktionierenden Demokratie gefährdet sein. Demonstrationen und Streiks sollten allerdings meiner Ansicht nach im angemessenen Rahmen gestaltet werden. Gewerkschaften sollten sich nur einmal darüber Gedanken machen, ob der derzeitige Streik - Overkill tatsächlich auch das Gehör verschafft, was es für sie bewirken sollte. Die Ansprüche sollten deshalb auch realistisch bleiben. Es bleibt umstritten, ob wirklich jede Forderung von Arbeitszeitverkürzung oder Gehaltserhöhung notwendig ist, um zu streiken. Darüber hinaus sollte das Verhältnis von Streiks zu einem gewissen Punkt wieder ausgeglichener werden. Zugespitzt gesagt, was machen sonst diejenigen, die täglich pendeln, morgens ihre Kinder in den Kindergarten oder zur Schule bringen? Wenn sie dann auch noch zwei Wochen mal in den Urlaub fliegen möchten, um dem Stress zu entfliehen, dort Postkarten in die Heimat verschicken wollen, hört sich das im Moment ironisch an. Wahrscheinlich sollten sie weder das eine noch das andere machen. Am besten sie bleiben zu Hause bei den Kindern, um sich den Babysitter sparen zu können. Auch für die Konjunktur der Wirtschaft bedeutet diese Welle an Streiks erhebliche Einbußen. Ist es denn so schwer mal ein bisschen die Streiks zu organisieren liebe Gewerkschaften? - Plant zuliebe eurer Kunden, die euch dann vielleicht auch wieder etwas mehr Verständnis entgegen bringen können?


Zu Fuß ist immer
eine gute Alternative.

Eine Lösung wäre sonst ja noch unsere deutschen Prinzipien über Bord zu werfen. Wir könnten einfach wie die Franzosen das Leben schön finden, Feierabend machen und ab zum Mittagessen. Oder wir halten es wie die Kühe, die stundenlang Blumen auf der Wiese kauen. Ich bin mir gerade bei der Situation unserer Gewerkschaften nicht sicher, welche Lösung die realistischere wäre. Ein Glück bleiben uns die Ampelmännchen, Autos, Fahrräder und Füße treu. Die hätten nämlich auch alle manchmal allen Grund zu streiken.






Verwendete Quellen und weiterführende Literatur: 
Anekdote ; focus-online Anekdote (Unterschiedliche Auswahl)
Scholten, Christina: Die Streik - Hähne, in: Unicum ( Juni/Juli/2015), S. 18-19.

Kommentare:

  1. Beim Lesen frage ich mich - sind die Streikenden überhaupt auf das Verständnis der Gesellschaft angewiesen? Letztlich muss ja nur der Arbeitgeber erkennen, dass es für ihn sinnvoller ist, die höheren Löhne zu zahlen, als die verlorene Arbeitskraft ersetzen zu müssen oder ganz auf sie zu verzichten. Natürlich kann man da gesamtgesellschaftlich argumentieren und sagen, dass der Streikende auch während seines Streiks Güter und Dienste in Anspruch nimmt, die alle Arbeitenden bereit stellen, sodass er letztlich die Gesellschaft ausnutzt. Andererseits haben gerade die sozialen Berufe im aktuellen System kaum eine Möglichkeit, andere Argumente für eine bessere Bezahlung zu finden als Streiks, da ihre Arbeit ja keinen materiellen Wert hat, sondern nur den, den die Leute bereit sind, zu bezahlen (was zwar auch für alles andere auf der Welt gilt, aber hier eben nicht durch Handel "objektiviert" wird).

    Der einzige Ausweg aus dem Dilemma, der mir spontan einfällt, sind festgeschriebene Löhne mit an die Inflation gebundenen Lohnsteigerungen. Wenn mehr oder weniger eingenommen wird als erwartet, gibt es prozentuale Boni bzw. Abzüge. Und deutliche Abweichungen von einer gesunden Inflation bezahlen die Politiker mit ihrem Gehalt. Da muss endlich das Leistungsprinzip eingeführt werden. Zumindest in eine Richtung, denn Vorteile haben diese Leute schon genug, dafür, dass sie gerade ganz Europa in einen riesigen Bürgerkrieg führen.

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    1. Den Streikenden kann natürlich das Verständnis der Gesellschaft herzlich egal sein. Aber ich habe auch weniger die Streikenden selbst, als mehr die Initiatoren - die Gewerkschaften und die Dachgesellschaft gemeint. Diese sind meist für die Streiks verantwortlich und auf eine politische Akzeptanz zum gewissen Teil angewiesen, welche sich auch aus einer gesellschaftlichen ergibt. Doch war meine Frage in diesem Kontext zudem ein wenig zugespitzt gemeint. Gewerkschaften sind der Ansicht, dass eine Solidarität selbstverständlich wär, weil wir es angeblich mit so bösen Arbeitgebern zu tun haben. Diese haben irgendwann keine Wahl mehr als ihre Tarifgesetze entsrechend anzupassen. Meiner Meinung nach haben sie eher keine Wahl, ob sie auf die Forderungen eingehen wollen oder nicht.
      Was deine Idee zu den festgeschriebenen Löhnen betrifft, beißt sie sich meiner Ansicht nach mit dem Leistungsprinzip. Leistungsprinzip ist auf Wachstum und Marktangebot- und Nachfrage angewiesen. Das kann mit festgeschrieben Löhnen jedoch eventuell weniger geleistet werden. Auch in Bezug zu Mindestlöhnen ergeben sich erste Probleme. In diesem Fall führt es beispielsweise zu weniger Arbeitseinstellungen, da sich ( vor allen Dingen kleine) Betriebe häufig die steigenden Löhne gar nicht leisten können. Die Politik kann dies wohl weniger aushebeln als oftmals vermutet. Aber das ist noch einmal ein komplett neues komplexes Themenfeld.

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