Donnerstag, 25. Juni 2015

Mit Sinnlichkeit hinter Gittern

Zu Besuch beim Kunst - und Kulturfestival "Sinnlichkeit" in der ehemaligen JVA Magdeburgs von Juni bis September 2015

Die JVA Magdeburg
erstrahlt im neuen Licht
Eine Justizvollzugsanstalt – assoziiert mit Gewalt, Kälte, Angst, Einschränkung der Bewegungsfreiheit und Zwang? Oder vielleicht doch ein Ort, an dem man sich besonders Gedanken über Freiheit, Unabhängigkeit und Emotionalität machen sollte?
Die Unfreiheit begegnet uns unmittelbar - das Unbehagen, wenn uns hohe Mauern, Stahlgitter und Gefängniswärter mit ernstem Blick, Uniform und Schutzwaffen einschließen. Gerade deshalb scheint das Gefühl von Freiheit im Gefängnis präsenter als kaum an einem anderen Ort. Wir bemerken wie kostbar unsere Freiheit eigentlich ist und wie wir sie deshalb nicht als selbstverständlich ansehen, sondern sie schützen sollten - Freiheit - ohne Zwang zu entscheiden und zu tun, wie wir unser Leben führen möchten beziehungsweise nach den Worten Rousseaus eben nicht tun zu müssen, was wir nicht wollen. Das Gefängnis verdeutlicht uns gleichzeitig, dass Freiheit nicht uneingeschränktes Handeln nach unserem Belieben bedeutet, sondern nur so lang wir nicht die Freiheit eines anderen im untragbaren Maße beeinträchtigen.
In der ehemaligen JVA Magdeburgs finden seit dem 06. Juni bis zum 20. September 2015 die Ausstellung in Verknüpfung mit dem Kulturfestival „Sinnlichkeit“ statt. Meiner Ansicht nach ist es eines der außergewöhnlichsten gewählten Räumlichkeiten für Kunst und Kultur. Das Festival steht dabei sowohl unter dem Motto "Neue Sinnlichkeit" als auch "Große Freiheit".



Willkommen  zur "Großen Freiheit"
Die Eröffnungsveranstaltung von "Sinnlichkeit"
Ausgetragen wird das Projekt vom Verein KulturAnker e.V. im Rahmen ihrer Reihe „Kabinett der Künste“. Nach "Salomon" in einem früheren Lebensmittelladen, "Romantik 2.0" im ehemaligen Altstadtkrankenhaus, "Mystique" in Alte Neustadt oder Olio Bianko in einem Speicher des Wissenschaftshafens soll nun "Sinnlichkeit" ein neues Projekt sein, verlassene Orte der Stadt mit Kunst und Kulturleben zu füllen. 
20.000 m², die bereits für sich allein sprechen, sobald man das Gelände betritt – riesig, umzäunt und aus Beton. Die Atmosphäre ist beeindruckend - Es wirkt einerseits leer und verlassen, andererseits erhält man den Eindruck, das Gefängnis könnte noch mit Häftlingen belebt sein. Worüber könnten sie aber geredet oder gedacht haben? Wie nahmen sie die Unfreiheit und den Zwang wahr?
Die Ausstellung befindet sich in einem Gebäudekomplex mit Zellen, wobei letztere die Ausstellungsräume sind für Kunststücke und - projekte von über 250 freischaffenden Künstlern aus ganz Deutschland.
Für mich eines der witzigsten Projekte
Der Trakt ist wirkungsvoll mit Widersprüchen geschmückt durch Lampen im Vintagestil und der Modernen Kunst, die sich hinter all den Zellen versteckt. Die Kunstprojekte sind wie die Umgebung mal unheimlich, verrückt  oder abstrus, aber auch geheimnisvoll und ganz eigen. Auf verschiedenste Art interpretieren und stellen die Künstler Sinnlichkeit, Emotionen und Leidenschaft dar.  Neugierig kann man die Exponate Stück für Stück in den Zellen auf über drei Etagen entdecken. 
Interpretationsvorschläge?
Ich bin immer gern offen für Moderne Kunst. Die kreativen und skurrilen Ideen der Künstler sind faszinierend und vor allen Dingen wie sie diese genauso kreativ und skurril umsetzen. Doch muss ich zugeben, bleibt es meist nur ein Versuch sie zu verstehen.  Bei „Sinnlichkeit“ musste ich mir wieder die Frage stellen, warum? Warum muss Kunst auf der einen Seite so absurd und merkwürdig sein? Sicher ist auch ein Gefängnis eine Welt voll Merkwürdigkeiten und Mysteriöses. Aber in den Zellen der Galerien war es nach meinem Geschmack öfter ein bisschen zu viel dargestellter Abgrund des Lebens. Zudem wird Moderne Kunst häufig so simpel präsentiert in der Darstellung und Umsetzung, dass man sich wundert, warum das als hohe Kunst bezeichnet wird. Manchmal hätte ich mir Beschreibungen oder klarere Indizien gewünscht, die Bezüge zur Sinnlichkeit, Freiheit oder eben Unfreiheit zu verstehen. Oder bin ich auch einfach nur zu unkreativ und zu starr in meinen Ansichten? Unter meinem Zeugnis für Moderne Kunst würde wahrscheinlich stehen wie so bei vielen anderen auch: " Sie hat sich stets bemüht."
Dieses Exponat soll man mit der
Künstlerin  (nackt in pinker Farbe)
vor Ort zusammen essen dürfen.
Doch so ist das mit künstlerischer Freiheit. Vielleicht verstehen wir Moderne Kunst nicht immer oder sind scheinbar die konservativeren Typen, die Sinn für detaillierte Zeichnungen, Drucktechniken und modellierte Skulpturen haben. Dennoch bin ich immer dafür, solche Projekte und jede Form der Kunst und Kultur zu unterstützen. Ich finde es nicht schlimm, Kunst nicht immer zu verstehen. Jeder darf sich selbst ein Bild und seine Gedanken machen. Das ist eben künstlerische Freiheit und damit ideal platziert auf dem Gelände der ehemaligen JVA, die unter anderem Unfreiheit, Zwang und Kälte ausstrahlt. Ich empfehle jedem sich diese besondere Kulisse anzuschauen. Macht euch selbst einen Eindruck von der Ausstellung und erlebt Moderne Kunst, Konzerte, Lesungen und weitere neue Kulturprojekte in einer ganz eigenen Welt, in der Freiheit und Zwang so eng beieinander zu liegen scheinen.
Verwendete Quellen und weiterführende Links:

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