Donnerstag, 16. Juni 2016

Durchgelesen im Juni...

Was wäre, wenn Hitler wieder da wäre?
Was wäre, wenn Hitler plötzlich ohne Ankündigung wieder auftauche und still und heimlich erneut an Macht gewinnen könnte? 
Timur Vermes: "Er ist wieder da" 
Die Darstellung und Präsentation von Hitler scheint weiterhin ein vermeintliches Tabuthema in Deutschland zu sein, was die kritische Aufmerksamkeit immer wieder auf sich zieht. Es ist ein Thema, das als Paradebeispiel von Humorlosigkeit gilt. Trotzdem oder gerade deswegen wird die Darstellung Hitlers humoristisch gern als Provokation genutzt.

Meine Buchkritik diesen Monat: "Er ist wieder da" von Timur Vermes, ein Buch, in dem genau diese oben benannte "Was wäre wenn -" Situation provokativ humoristisch thematisiert wird.

Manchmal fand ich es irgendwie befremdlich, das Buch einfach in der Öffentlichkeit aus meiner Tasche hervorzuholen und zu lesen. Noch immer hat dieses Thema um den Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg einen faden Beigeschmack. "Ist es ok, wenn ich darüber lache?", fragen wir uns gern.  "Er ist wieder da" ist ein Bestseller und wird in einigen Schulen schon auf dem Lehrplan eingesetzt. Nicht ohne Grund: Der Roman ist nicht nur satirisch, sondern vor allen Dingen auch lehrreich. Ja wir dürfen lachen, allerdings steckt hinter all dem Witz und Humor in der Geschichte ein wahrer sehr ernst zu nehmender Kern, der uns zum Nachdenken anregen sollte.
Ausgangspunkt der Geschichte ist das Jahr 2011. Plötzlich ist er wieder da, mitten in Berlin auf einer Wiese liegt er: Adolf Hitler. Man weiß nicht, wie er in diese Situation gelangt ist. Er ist einfach wieder da. Erst erkennt ihn niemand, mit Stromberg wird er verwechselt. Es wird sich über seine Aufmachung lustig gemacht. Hitler macht sich auch lustig, aber mehr darüber, dass ihm niemand mit dem von ihm erachteten nötigen Respekt beachtet und sich mit einem "anständigen deutschen Gruße" vorstellt. Seine
Mitten in Berlin taucht er wieder auf...
Gedanken überschlagen sich und rekapitulieren Strategien und Szenarien des Jahres 1945. Verwundert darüber, wie Berlin sich in so kurzer Zeit verändert haben kann, was seiner Ansicht nach nur daran liegen könne, dass es von den Alliierten dämonisch besetzt worden sei, muss Hitler zufällig schockiert durch eine Zeitung erfahren, welches Jahr wirklich geschrieben wird. 

Das Buch ist aus der Perspektive von Adolf Hitler geschrieben, sodass man seine Gedankengänge genau mitverfolgen kann. Was würde Adolf Hitler über unsere heutige Welt denken? Was würde er zum Beispiel zur aktuellen Politik, zur Multikulturalität Berlins, zu neuen Fernsehformaten, Kommerz, Einkaufszentren oder gar zum Internet sagen? 
Erst wirkt es witzig. Man lacht über die Absurditäten der heutigen Welt und über die Absurdität der Ansichtsweisen von Hitler, die weiterhin von seiner nationalsozialistischen Ideologie gefärbt sind. Doch nimmt die Geschichte im Verlauf eine Wendung, die zeigt, wie eng Humor, Harmlosigkeit und Ernsthaftigkeit beieinander liegen können. Der Autor zeigt so, ein Glück, die stetige Boshaftigkeit und das Ungeheuerliche der "Figur" Hitler, welcher seine Ideologie nicht nur parodiert, sondern weiterhin ernsthaft vertritt.

Hitler, der nicht erkannt wird, sondern als Imitator des Diktators durchgeht, wird (wieder) berühmt als Komiker und Schauspieler und entwickelt schließlich sogar zum YouTube-Star. Manchmal sorgt er für Zweifel, da alles so echt scheint. Die Lebensläufe des wahren Hitlers und des, nach Ansicht der anderen, vermeintlichen Hitlers decken sich seltsamerweise bis ins kleinste Detail. Doch kaum einer zweifelt wirklich, sondern bewundert wird der "Komiker" für seine Professionalität im Rollenspiel. Damit gewinnt die Figur Hitler ein breites Publikum, welches die scheinbare Parodie der nationalsozialistischen Ideen begeisternd aufnimmt. 

In einer satirischen Zuspitzung zeigt das Buch die Ernsthaftigkeit der Ereignisse in der Vergangenheit und wie diese sich trotz Aufgeklärtheit wiederholen könnten, wenn Politik und Gesellschaft nicht ausreichend Acht geben. Der Autor spiegelt unsere Gesellschaft auf eine faszinierende und auch erschreckende Weise wider.
Natürlich wirkt die Situation allgemein absurd: Ein Hitler der plötzlich wieder käme. Der Autor gibt keine genauen Erklärungen dafür ab, wie genau der ehemalige Diktator auftaucht. 
Denn diese Informationen scheint nicht wichtig. Die künstlerische Form der Darstellung eines unmöglichen Szenarios als Dystopie erlaubt uns Entwicklungen der realen Welt zu verstehen und zu deuten. So sollte dieses "Was wäre wenn"-Szenario im übertragenen Sinne verstanden werden.


Hitler als YouTube-Star
- Internet als neues Machtinstrument?
Denn die Thematik des Buches könnte nicht aktueller sein. Die derzeitige Medienpräsenz der AfD und ihre nicht unwesentliche Zustimmung in der Bevölkerung machen deutlich, wie schnell eine Unzufriedenheit und politische Verdrossenheit der Bevölkerung zu einer Erstarkung rechtsextremer Kräfte führen können. Gern wird vergessen, dass auch Hitler zu Beginn auf diese banale Weise an die Macht kam, durch Populismus und Reaktion auf  Unzufriedenheit mit großen Versprechungen. Die NSDAP wurde zudem legitim demokratisch gewählt. 
Viele sind der Ansicht, unsere Welt sei eine andere geworden und dass solche Ereignisse nicht wieder geschehen würden. "Das war doch damals. Das ist schon so lang her." Zwar ist so etwas aufgrund wesentlicher politischer Veränderungen und durch die Etablierung von einschlägigen Gesetzen auf landespolitischer sowie internationaler Ebene tatsächlich schwieriger möglich geworden, aber ist es wirklich unmöglich? Unsere Welt ist keine andere. Wir sind immer noch Menschen, die sich irren können. Schnell kann Macht durch die "Falschen" instrumentalisiert und politisch gefährlich ausnutzt werden. Es gibt neue Instrumente. Wie das Buch anschaulich darstellt, können gerade diese als ein wesentliches Machtinstrument eingesetzt werden, indem Hitler das Medium
Internet instrumentalisiert und YouTube-Star wird.

Zu Beginn muss ich zugeben, fand ich den Roman etwas schleppend zu lesen. Man muss sich erst einmal hineindenken und sich an die düsteren, rechtsextremen Ansichten des Ich-Erzählers Adolf Hitler gewöhnen. Außerdem häufen sich die Beschreibungen unseres modernen Lebens aus der nationalsozialistischen Perspektive Hitlers. Immer wieder wird beschrieben, wie er die heutige Gesellschaft beobachtet aus seinen Augen, die nur die Welt bis 1945 kennen. Diese Passagen wirken zwischenzeitlich sehr monoton.

Nichtsdestotrotz gelingt es Vermes stets mit einer satirischen Meisterhaftigkeit in seiner Sprache, die Person Hitler mit seinen abscheulichen, rassistischen Auffassungen auf den Punkt zu bringen. Die Perspektive Hitlers als Ich-Erzähler erlaubt es dem Leser zudem, Details über die reale Person Adolf Hitlers und mehr über die historischen Zusammenhänge zu erfahren, indem der Autor umfassendes Hintergrundwissen mit unterbringt.
Es lohnt sich also weiterzulesen.
Die scheinbar witzigen Szenarien über die man zu Beginn noch lacht, werden erschreckend ernst. Die Gedanken Hitlers werden zu neuen Taten umgesetzt. Spätestens da konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Es ist spannend mit zu verfolgen, wie Hitler möglicherweise wieder begeistern kann und die Grundgedanken des Nationalsozialismus, wenn auch erst auf humoristischen Boden, wieder fruchten könnten.


Das Hörbuch wird von 
Stromberg-Schauspieler
Christoph Maria Herbst gesprochen
Ist es Die Banalität des Bösen, die auch heute also wieder zuschlagen könnte? Die Banalität des Bösen ist eine bekannt gewordene Formulierung von Hannah Arendt, die die Philosophin in Bezug auf den SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann in dem Prozess gegen ihn in Jerusalem verwendete. Zum gewissen Teil charakterisierte sie damit auch die allgemeine Entwicklung der Kultur des Nationalismus, in der sich "der Wille des Führers" als Motiv verselbständigte und als Legitimation jeden Handels wurde. 
Ohne aktuelle Entwicklungen mit historischen in einen Vergleich setzen zu wollen, möchte ich zumindest Folgendes zu denken geben: Man sollte nicht unterschätzen, wie scheinbar böse Realitäten sich aus Banalem entwickeln können. Denn auch das Böse an sich sei nach Hannah Arendt oft banal.

Auf jeden Fall sollten die derzeitigen parteipolitischen Entwicklungen wachrütteln. Demokratie und
Rechtsstaatlichkeit sowie die Wahrnehmung von Menschenrechten für jeden sollten immer Priorität in unserer Gesellschaft haben und wesentlich geschützt werden. Rechtsextremes Gedankengut darf hingegen keine Reaktion auf Unzufriedenheit in der Bevölkerung sein. 
So sehr es weiterhin polarisiert, sollten Kunst und Medien nicht aufhören die Person Hitler und die geschichtlichen Entwicklungen des Zweites Weltkrieges zu thematisieren. Nur so bleibt Geschichte im Gedächtnis und trägt präventiv dazu bei, dass sich solche Szenarien des banalen Bösen nicht wiederholen.  
In diesem Sinne: Lest fleißig das Buch oder schaut euch den Film an. (Letzteres steht auch noch ganz oben auf meiner To-Do Liste.) Eine Möglichkeit wäre noch einschlägige Beiträge bei Youtube zu suchen. Aber ein YouTube-Star als neue rechtsextreme politische Kraft, darauf können wir sehr gut verzichten.
Jetzt freue ich mich über eure Meinungen und Einschätzungen. Solltet ihr das Buch schon gelesen haben - Was waren eure Gedanken und Eindrücke dazu? Falls ihr es euch auf meinen Rat hin kauft oder ausleiht, schreibt mir gern danach ein Feedback, wie es euch gefallen oder was euch mitunter auch nicht gefallen hat!  

Weiterführende Literatur:
Rezension des Blogs Buchkiller
Spiegel Online, Das Böse nur banal?
Er ist wieder da - Der Film, N24 Reportage
Hannah Arendt - Der Film, Homepage
Haul Hitler, Böhmermann Parodie

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