Sonntag, 11. Dezember 2016

Sweet November in Edinburgh



Edinbrá, wie die Schotten liebevoll sagen

Seit 1603 unter dem Sohn von Maria Stuart, Jakob VI., sind die schottische und englische Krone vereint. Wir blicken daher auf eine 410 Jahre alte gemeinsame historische Verbundenheit zurück. Seit 2014 mit dem Referendum zur Unabhängigkeit Schottlands und vor allem seit der Entscheidung Großbritanniens für den EU-Austritt, scheint diese Verbundenheit ernsthaft zu bröckeln.

Als ich diesen Herbst gern noch einmal paar Tage wegfahren wollte, kam mir Edinburgh direkt in den Sinn. Edinburgh lag mir förmlich in den Ohren. Spätestens seit Schottland ein erneutes Referendum diskutierte rund um die Frage nach der Unabhängigkeit, um in der EU zu bleiben, war es mir auch ein Anliegen das Land gedanklich beim EU-Verbleib zu unterstützen. Ob das funktioniert hat, ist natürlich eine andere Frage. Jetzt im November dachte ich mir jedenfalls, würde mich ein schottisches Regenwetter eh gar nicht so stören. Da wäre ich in Deutschland nicht weniger gesegnet. Also warum nicht mal Edinburgh kennen lernen? Doch so viel kann ich schon verraten, ich hatte unglaubliches Glück. Es hat nicht einen Tropfen geregnet.So habe ich das typische britische Wetter eigentlich kaum kennen gelernt. Als ich außerdem mit weihnachtlicher Dekoration und einem Weihnachtsmarkt mitten in der Stadt bei meiner Ankunft begrüßt wurde, waren alle Zweifel verflogen. Es war die richtige Entscheidung, Edinburgh zu dieser Jahreszeit zu besuchen. Gern möchte ich euch von meinem kurzen Städtetrip berichten und den einen oder anderen Geheimtipp verraten.
Die Aussicht vom Schloss aus
Eines muss man dem Städtchen lassen: Es ist so wunderschön britisch mit seinen Häusern, Leuten und der Atmosphäre. Überall sieht man keltische Ursprünge und gleichzeitig ist die Hauptstadt so ganz das, wie ich mir schottisch vorstelle. Edinburgh hat einen individuellen, niedlichen Charme. 1995 wurden große Teile der Alt- und Neustadt zum Unesco Weltkulturerbe erklärt. Edinbrà nennen die Edinburgher selbst "liebevoll" ihr Städtchen. Nur klingt es eigentlich gar nicht so liebevoll, da das 'a' stürmisch daher kommt, in dem es kurz und betont auszusprechen ist. So solltet ihr es bitte gegenüber den Einwohnern unbedingt nennen, selbst wenn ihr meint, dass es unnötige Befindlichkeiten seien. Als gebürtige Magdeburgerin kann ich die Edinburgher sehr gut verstehen. Denn auch den Bewohnern der kleinen Stadt im fernen Osten schmerzt es bei Aussprachen ihres Stadtnamens mit einem lang gezogenen 'a'. Daher hatte auch ich so meine Freude daran, Edinburgh fleißig mit einem kurzen betonten a auszusprechen.

Schottische Leibspeisen

Schmeckt besser, als es klingt: Haggis!
Im Urlaub probiert man gern mal die nationalen Spezialitäten und versucht dabei etwas Neues. Was gehört also zu einem klassischen schottischen Urlaub dazu? Klar, Haggis. Ich habe mich anfangs allerdings wehren wollen, es zu probieren. Die Beschreibung von Haggis führt bei mir nicht gerade dazu, dass mir das Wasser im Mund zusammenläuft. Detaillierte Erklärungen lasse ich mal aus, aber so viel sei gesagt: Haggis ist ein Gericht aus Schafsinnereien, was in Schottland lange Tradition hat. Wir haben es auch als Burger, als Beilage bei Nachos oder als Auflauf gesehen. Vor Ort dachte ich dann allerdings, was soll‘s. Neben Aronal zum Abend und Elmex zum Frühstück sollte man eben auch mal mehr riskieren, dachte ich mir. Wenn man etwas wagen möchte, wird man bekanntlich gern auch übermütig. Daher erfolgte die Mutprobe direkt am ersten Abend. Meine Reisebegleitung, die liebe Lisa und ich waren mehr als positiv überrascht. Es schmeckte wider Erwarten lecker. Ich hatte mich für den Auflauf mit Haggis entschieden mit Püree und Käse geschichtet. Klassischerweise werden zum Haggis gern noch Rüben serviert sowie als Dip häufig eine Whiskysauce. Diese schmeckte übrigens besonders köstlich. Es lehrt mich mal wieder, dass mein eigenes Kopfkino nichts zu bedeuten haben muss. Daher lege ich euch tatsächlich ans Herz, Haggis einfach mal zu kosten, wenn ihr in Schottland seid. Es soll für Vegetarier übrigens auch eine vegetarische Alternative geben.

Sonst darf eine Tasse Tee, die klassische schwarze Variante gern auch serviert mit Milch, bei einem Trip nach Großbritannien nicht fehlen. Sie wärmte uns gern mal nach unseren langen Touren zu Fuß durch die Stadt und Umgebung. Ich für mich persönlich habe auch die Scons entdeckt. Das sind Brötchen mit einer süßlichen Note, die von den Schotten auch gern mit Butter oder Marmelade genascht werden. Scons erinnern mich an die Knack und Back Brötchen und waren ein wunderbare kleine Stärkung für zwischendurch. Einen Tag haben wir uns in einem Café in der Cockburn Street auch ein britisches Frühstück gegönnt, zwar mit Bohnen in einer ganz leckeren Tomatencreme, allerdings nicht ganz so klassisch mit Speck und Würstchen, sondern mit Gemüse und Toast.

Things to do in Edinburgh


Am zweiten Tag machten wir uns direkt vormittags auf den Weg zu den klassischen Sightseeing- Attraktionen von Edinburgh. Edinburgh wird auch die Stadt der sieben Hügel genannt, in deren Areal sie erbaut wurde. Diese Hügel sind vulkanischen Ursprungs. Auf einer dieser Anhöhungen liegt der Arthur‘s Seat, eine Aussichtplattform. Die Aussicht von dort ist wirklich traumhaft. Eine kleine städtische Wanderung dahin lohnt sich auf jeden Fall, auch wenn der Weg vorsichtig gesagt, sehr naturbelassen ist. Da ist Feingefühl bei jedem Schritt gefragt. Gerade auf dem Rückweg mussten wir die eine oder andere steile Route nehmen und mit Bedacht darauf achten, nicht auszurutschen. Ich empfehle daher wie in den früheren Packanleitungen aus der Schule, die man seinen Eltern mitbrachte: festes Schuhwerk. 

Das Herzstück Edinburghs ist das Edinburgh Castle, welches sich auch auf einen dieser sieben

Edinburghs' Juwele, das Schloss
Hügel,  dem Castlehill befindet. Es ist vor allem nicht einfach nur ein Schloss, sondern wirkt eher wie eine imposante Festung. Da es auf dem Hügel erbaut worden ist, war es ein idealer Ort zur Verteidigung. So hat man außerdem von hier genauso einen schönen Ausblick auf die Stadt, aber noch mehr auf die Altstadt, die sich darunter unmittelbar erstreckt. Leider empfand ich den Eintritt mit 16 Pfund als eher teuer. Doch es lohnt sich, um noch mehr die Geschichte der Stadt zu erleben. Man befindet sich am Ort, wo Könige und Königinnen lebten, stritten und regierten. Man befindet sich an einen der unmittelbaren Schauplätze der schottischen sowie der gemeinsamen britischen Geschichte. 

Auf den Spuren von Dr. Jekyll and Mr. Hyde

Wer noch mehr von der Stadtgeschichte erfahren möchte, der kann dies auch einmal auf einer ganz anderen Weise in Edinburgh erleben. Hier gibt es nämlich nicht nur die klassischen Stadtführungen zu Fuß oder mit Bus, sondern nachts in gruseliger Atmosphäre. Mich hatte dieser Tipp schon beim Lesen im Reiseführer unmittelbar angesprochen. Lisa und ich entschieden uns für eine Kombination aus historischer Stadtführung mit gruseligen Legenden durch die Katakomben der Stadt. Auch die Geschichte des seltsamen Falls des Dr. Jekyll und Mr. Hydes hat ihren Ursprung in Edinburgh, da hier die Person Deacon Brodie lebte, die den Autor Robert Louis Stevenson zu der literarischen Figur einer gespaltenen Persönlichkeit inspiriert haben soll. Nach außen galt Deacon Brodie als bürgerlich angesehener Mann, nachts soll er ein Krimineller gewesen sein. Aber auch Edinbrugh selbst soll den Autor inspiriert haben, da die Stadt ihre zwei Gesichter hatte. Sie war königlich, aber im Untergrund fanden kriminelle Machenschaften statt. Die Altstadt war im Mittelalter dreckig und ärmlich. Die angesehenen Gutbürgerlichen zog es im 17. Jahrhundert in die Neustadt. Diese ist geprägt von antiken Einflüssen durch Symmetrie und geraden Linien. Die Häuserreihen sind alle ähnlich aufgebaut.

Edinburgh scheint außerdem die Stadt der Inspirationen zu sein. J.K. Rowling soll ihre ersten Ideen zu Harry Potter in einem Café namens Elephant House in Edinburgh aufgeschrieben haben. Leider war zu dem Zeitpunkt, als wir dort einen Kaffee trinken wollten eine lange Schlange. Die Idee hatten natürlich noch andere Touristen. Auch gibt es einen Friedhof, auf dessen Grabsteine Namen stehen sollen, die die Autoren in den Harry Potter-Geschichten aufgriff. Wir sind nur im Dunklen mal vorbei gelaufen. Den Friedhof zu betreten war uns dann doch etwas zu gruselig, die Gruselführung war da ausreichend.


An die schottische frische Luft
Auf an die schottische Luft!
Wer Edinburgh besucht, sollte auch mal in die Highlands hinausfahren. Dazu lohnt sich womöglich sogar auch eine Rundreise durch Schottland. Es werden einige 1- bis Mehrtage Touren von Reiseunternehmen angeboten. Dabei kann man auch auf Entdeckungsreise nach dem Ungeheuer Loch Nesse gehen. Wer jedoch genauso wie wir etwas auf seinen Geldbeutel achten möchte, dem empfehle ich eine Tour auf eigene Faust. Wir haben einen wundervollen Geheimtipp vom Hostel bekommen und sind nur knapp 20 Minuten rausgefahren, wo uns bereits eine schöne schottische Landschaft mit Hügeln, Seen, frischer Luft und Schafen erwartete. Auch hier waren die Wege zwar kaum ausgeschildert, sodass es auch den einen oder anderen abenteuerlichen Moment gab. Doch genau solche Abenteuer machen für mich Urlaube aus und machen die gemeinsame Zeit unter Freunden zum Erlebnis. 


Meine Idee:
Bei jedem Urlaub gib's nun ein Buch als Mitbringel
#einbuchumdiewelt
Noch ein bisschen Kultur

Da nimmt man auch den Muskelkater am nächsten Tag in Kauf. Den letzten Tag im Urlaub haben wir daher etwas langsamer angehen lassen. Dazu gehörte der Besuch der beeindruckenden National Gallery of Scotland, welche kostenlos ist und klassische Maler aus Schottland und Europa zeigt. Außerdem stand noch gemütliches Bummeln durch die historischen Straßen auf der To-Do-Liste, um auch das eine oder andere Mitbringsel aus den niedlichen Läden mitnehmen zu können. Bekannt dafür sind die Princes Street und die Royal Mile in der Altstadt. Die Cockburn Street ist aber mein Geheimtipp, da sie zum gemütlichen Schlendern durch viele kleine süße Läden und Cafés einlädt. Hier habe ich paar Mitbringsel erstanden. Mein Liebling dabei ist ein Buch mit Rätseln im Stil von Sherlock Holmes - nicht nur weil ich Sherlockfan bin, sondern, wie ihr vermutlich schon mitbekommen habt, Bücher liebe. Dabei kam mir auch die Idee, nun immer ein Buch im Urlaub aus der jeweiligen Region als Souvenir zu kaufen. Zwar spielt Sherlock in London, aber das habe ich jetzt mal als im Raum der britischen Region gelten lassen.


Außerdem haben wir den Urlaub mit einem Besuch einer klassisch urigen Bar, der Captains Bar an der South Bridge, ausklingen lassen. Der Pub wird vor allem von den Einwohnern Edinburghs besucht. Mir ist das persönlich immer lieber als die Touristen-Hotspots. Der krönende Abschluss daran war die Live-Musik, was in schottischen Bars dazu gehört. Unser Live-Act des Abends war eine Musikgruppe, deren Konstellation eine interessante Mischung ausmachte. Hier harmonierten 20 bis 60 Jährige und Instrumente wie Harfe, Flöten, Geigen und Dudelsack miteinander und zeigten wie modern diese traditionelle Musik doch immer noch sein kann.
I loved it: Traditionelle keltische Musik


Da wäre ja noch der Brexit...

Diese Vielfalt zeigt für mich auch, dass die Einheit in der Vielfalt liegt. Vielleicht erkennen das auch die Schotten und entscheiden sich für die EU und gegen den gemeinsamen Brexit. Die Austrittsgespräche zum Brexit laufen bereits. Der Chefunterhändler der EU-Kommission Michel Barnier verkündete, dass die Verhandlungen bis Oktober 2018 abgeschlossen sein müssen. Der Austritt muss nämlich innerhalb von 2 Jahren gänzlich geregelt sein, was die Ratifizierungen der Verträge einschließe.
Ich habe mich im November daher an einem Ort befunden, der vermutlich noch ein

Brennpunkt dieser historischen Wende sein könnte. Schottland hatte sich 2014 im Referendum gegen die Unabhängigkeit entschieden. Ein Grund derjenigen, die bleiben wollten, war jedoch unter anderem der Verbleib in der EU. Nach der Entscheidung des Brexit kamen die Diskussionen für ein erneutes Referendum auf. Doch hat die Regierung Englands diese Bestrebungen erst einmal zurückgewiesen. Trotzdem sollte Schottland meiner Ansicht nach den Gedanken noch einmal aufnehmen und ein Referendum ernsthaft erneut in Erwägung ziehen. Die Entscheidung England beruht offensichtlich auf Angst. Die Unabhängigkeit bedeutet, sich für die europäische Vielfalt und den gemeinsamen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhalt entscheiden zu können. Doch heißt es zeitgleich sich womöglich von einer 410 Jahre alten Geschichte mit England und von der Krone zu lösen. Wie sich Schottland entscheiden wird, bleibt also noch offen. Dazu kommt die jüngste Diskussion um eine zusätzliche EU-Staatsbürgerschaft. Es wäre ein Vorschlag an die Briten, sich individuell dafür entscheiden zu können. Es soll sich an die Gegner des Brexits richten. Ein cleverer Schlachzug? Vielleicht. Die Debatte ist noch lang nicht beendet.

We see us again Edinburgh, I am sure!
Abschließend jedoch möchte ich zusammenfassen: Edinburgh ist klein, sodass man alles leicht zu Fuß erreichen kann und trotzdem erschöpft es sich nicht. Man findet immer noch wieder eine Kirche, Café oder Attraktion, die man besuchen kann. Edinburgh ist außerdem bekannt für seine Festivals. Was das angeht, war November allerdings doch der falsche Reisemonat, da ausgerechnet dort natürlich kein einziges Festival stattfindet. Ich lege jedem dieses süße schottische Juwel ans Herzen, ob Brexit hin oder her. Die politischen Befindlichkeiten sollte man da vergessen und einfach das schottische entspannte Gemüt der Stadt und ihrer Bewohner genießen.



Weiterführende Links: 

Zeit-Online: Briten könnten nach Brexit EU-Bürger bleiben (12/2016)
Süddeutsche Online: EU will Brexit bis Oktober 2018 abschließen (12/2016)
Spiegel-Online: So kann Schottland in der EU bleiben (06/2016)
FAZ-Online: No! Schotten stimmen gegen Unabhängigkeit (09/2014)





1 Kommentar:

  1. Hallo Luise,
    da bin ich ja ein bisschen neidisch. Ich fand Edinburgh auch so toll und will dort unbedingt mal wieder hin. Wir haben dort nur ein paar Tage verbracht auf dem Weg zum Loch Ness.
    Allerdings haben wir uns den Greyfriars Friedhof angeschaut und natürlich auch Spielzeug auf das Grab vom Greyfriars Bobby gelegt. Ich fand die Geschichte des Polizeihundes so rührend. Ein bisschen unheimlich ist dieser Friedhof allerdings, ein Teil war sogar abgesperrt weil ein Geist dort umgeht und die Besucher ärgert. So stand es tatsächlich auf dem Zettel am Absperrzaun. ;) Und Tom Riddle liegt dort wirklich, nur dass es eben ein anderer ist.
    Ich fand die ganze Stimmung in der Stadt so unheimlich. Kein Wunder, dass soviel Grusel-Geschichten dort erfunden wurden.
    Auf jeden Fall fand ich Schottland toll, daher auch die Namenwahl unserer Katzen: Mary und Stuart. ;)
    LG und ich wünsche dir schöne Feiertage
    Charli von http://frischgelesen.de

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